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Kraft allein reicht nicht mehr. Diese Lektion müssen vor allem die amerikanischen Autohersteller noch lernen. Foto: Reuters |
Wer in die Cobo-Ausstellungshallen der Detroiter Messe geht, kommt um Joe Louis nicht herum. Da steht der alte Boxweltmeister im
Schwergewicht als überlebensgroße Statue gleich im Eingang, streckt einem die Fäuste entgegen, das linke Bein vor dem rechten.
Es ist die Erinnerung an einen Mythos, einen der größten Boxer aller Zeiten, der seine Gegner in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts reihenweise k.o. schlug.
Einen einfachen Jungen aus dem armen Alabama, der sieben Geschwister hatte und sich ganz nach oben kämpfte. Joe Louis, das ist Härte, Durchsetzungsvermögen und Kampfgeist. Der Boxer steht für ein altes Amerika, das es noch einmal wissen will, das der Welt die Fäuste entgegenwirbelt - gerade so wie die Autohersteller aus aller Welt, die in diesen Tagen im Cobo-Center ihre Wagen ausstellen.
2009 war das Jahr der großen Katastrophen, reihenweise gingen amerikanische Hersteller k.o.. Wurden angezählt, taumelten, standen wieder auf, so wie General Motors, der Konzern, der 50 Milliarden Dollar vom Staat bekam und jetzt der Welt beweisen will, dass er wieder die Nummer eins wird.
Die Autobranche steht nach der großen Krise vor ihrem großen Comeback, verkünden Detroiter Radiomoderatoren voller Euphorie. Und am Stand von GM sollen harte Heavy-Metal-Riffs den Besuchern die Rückkehr zur Normalität einhämmern.
Ja, sie ist zurück im Ring, die amerikanische Autoindustrie, und mit ihr sind es all jene, die nie weg waren, die Deutschen, die Japaner, die Franzosen. Nur: Normal ist nichts mehr. Die Spielregeln haben sich seit dem vergangenen Jahr grundlegend geändert, und wer auf reine Muskelkraft setzt wie die Amerikaner, hat keine Chance mehr auf einen Sieg.
Zwar haben auch die Amerikaner alternative Technologien im Programm, doch noch immer gelten in den USA Größe und PS-Kraft als Allheilmittel. Der Wandel geht nur langsam voran.
Einzig Ford schafft es in Detroit überzeugend, sich mit seinen Modellen Focus und Fiesta von der heimischen Autokultur abzusetzen. Toyota hängt noch einer überholten Weltsicht an, genauso wie die Koreaner und die Deutschen.
Hinter den Glamour-Kulissen des Salons entsteht bereits eine neue Autowelt, die die alte in den nächsten Jahren ablösen wird. Und zwar eher früher als später. Darauf werden sich auch diejenigen einstellen müssen, die heute noch zu den großen Angreifern in Detroit gehören: BMW, Daimler und Volkswagen.
Die Deutschen bereiten sich auf das neue Zeitalter vor, arbeiten an E-Technologien, wollen aber gleichzeitig auch nicht vernachlässigen, womit sie einst groß wurden: den alten Verbrennungsmotor. Das ist verständlich, denn der wird auf absehbare Zeit noch gebraucht.
Doch die Hersteller aus Stuttgart, Wolfsburg, München, genauso wie die aus Paris, Tokio und Turin, sollten genau hinschauen, was um sie herum geschieht. Neue Spieler treten in den Ring, vor allem aus China.
Der chinesische Batteriehersteller BYD, erst seit kurzer Zeit im Autogeschäft, will schon in diesem Jahr mit einem eigenen Elektroauto in den USA am Start sein.
Geely aus China hat sich Volvo gesichert, Teile von Saab gehen an BAIC, und der indische Emporkömmling Tata hat sich nicht nur die britischen Edelmarken Jaguar und Land Rover gekrallt, sondern setzt mit seinem Billig-Auto Nano auch auf den US-Markt.
Neue Spieler, neue Technologien. Die Autowelt verändert sich rasant, was gestern noch ausgeschlossen war, ist plötzlich selbstverständlich. Für die großen Helden der Vergangenheit bleibt nicht viel Zeit, um sich zu wehren. Sie müssen sich auf neue Gegner einstellen, die vielleicht mit weniger Kraft arbeiten, aber deswegen nicht ungefährlicher sind.
Auch daran erinnert die Riesenstatue des Joe Louis: Von Steuerschulden geplagt, versuchte es der alte Boxer Ende der 40er Jahre mit einem Comeback. Sein Gegner Rocky Marciano, der neue Star am Boxhimmel, fegte den Altmeister mit ein paar eleganten Schlägen aus dem Ring. Die neue Welt war nicht mehr die des Joe Louis. Zuletzt arbeitete er als Türsteher in einem Nachtclub in Las Vegas.
(SZ vom 14.01.2010/pak)
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